Faszienforschung

Die Faszien – „Arbeitsmaterial“ der Rolferinnen und Rolfer – rücken in den Fokus der Forschung

Die Faszienstruktur des menschlichen Körpers ist die Grundlage für die Rolfing-Arbeit. Die aktuelle Faszienforschung ist für die Methode Rolfing daher von großer Bedeutung. Der Begriff „Faszien“ umfasst seit dem ersten internationalen Faszienkongress alle faserigen kollagenen Bindegewebsstrukturen als ein den gesamten Körper und alle Organe umhüllendes und durchdringendes Netzwerk.

1. Faszien im Bereich der Schmerzforschung

Neuere Forschungen zeigen: Viele Muskelschmerzen sind durch fasziale Irritationen ausgelöst oder zumindest verstärkt.

Beispiel Lendefaszie, im Bereich Rückenschmerzen früher kaum beachtet:
Die Lendenfaszie ist sehr dicht mit potentiellen Schmerzrezeptoren besiedelt, das Rückenmark reagiert besonders sensibel auf deren Reizung. Bei entzündlichen Zuständen im unteren Rücken ist diese Sensibilität deutlich erhöht [1]. Auch histologische Untersuchungen lassen vermuten, dass Mikroverletzungen in der Lendenfaszie eine häufige Ursache für Rückenschmerzen sind [2]. Diese und ähnliche Studien könnten die Bandscheiben als Ursache in einigen Fällen entlasten [3].

  • Tesarz J, Tachuchi T, Mense S. Die Fascia thoracolumbalis als potentielle Ursache für Rückenschmerzen. Manuelle Medizin 2008; 46: 259
  • Schleip R et al. Letter to the Editor concerning „A hypothesis of chronic back pain: ligament subfailure injuries lead to muscle control dysfunction“ (M. Panjabi). European Spine Journal 2007; 16: 1733-1735
    Article (PubMed)
  • Interview mit Schleip R. Rückenschmerzen, Faszien und Rolfing. BR2, Wissensredaktion. ARD Mediathek. (Interview beginnt nach ca. 3/4 des Podcasts)
    Interview – in German (ARD Mediathek)

2. Faszien als Sinnesorgan

Die Plastizität – nachhaltige Verformbarkeit – von Faszien ist mit rein mechanistischen Erklärungskonzepten (wie Thixotrophie und Piezoelektrizität) nicht ausreichend zu erklären [3,4].

Faszien sind mit unzähligen Mechanorezeptoren innerviert [1,2]. Die gezielte Stimulation dieser Rezeptoren kann zu Veränderungen im Grundtonus der Skelettmuskulatur führen, zu einer Hemmung sympathikotoner Aktivierung, zu einer verstärkten Hydratisierung des bearbeiteten Gewebes sowie zu einer Zunahme der lokalen Propriozeption.

  1. Schleip R. Fascial plasticity – a new neurobiological explanation: Part 1. Journal of Bodywork and Movement Therapies, 7(1):11-19, 2003.
    Abstract (somatics.de) // Download
  2. Schleip R. Fascial plasticity – a new neurobiological explanation: Part 2. Journal of Bodywork and Movement Therapies, 7(2):104-116, 2003.
    Abstract (somatics.de) // Download
  3. Dölken M. Was muss ein Manualtherapeut über die Physiologie des Bindegewebes und die Entwicklung einer Bewegungseinschränkung wissen? Manuelle Medizin 2002; 40: 169-176
    SpringerLink, Article // Download (first page)
  4. Threlkeld AJ. The effects of manual therapy on connective tissue. Physical Therapy 1992; 72: 893-902
    Abstract (fasciaresearch.com) // Download

3. Faszien in Bewegung

Kraftübertragung bei Bewegungen geschieht nicht nur direkt über die Muskelsehnen zu den Knochen, sondern in erheblichem Maße auch über die intra- und extramuskulären Faszienbeutel [1]. Modellkalkulationen sprechen der Lendenfaszie eine signifikante Rolle bei der Stabilisierung des Rückens sowie beim menschlichen Gang zu [2,3].

  1. Huijing PA. Muscular force transmission necessitates a multilevel integrative approach to the analysis of function of skeletal muscle. Exerc Sport Sci Rev 2003; 31: 167-175
  2. Barker PJ et al. Effects of tensioning the lumbar fascia on segmental stiffness during flexion and extension. Spine 2006; 31: 397-405
  3. Zorn A et al. The spring-like function of the lumbar fascia in human walking. In: Findley TW, Schleip R, Hrsg. Fascia research – basic science and implications for vonventional and complementary health care. München: Elsevier; 2007: 188
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  4. Schleip R, Naylor IL, Ursu D, Melzer W, Zorn A, Wilke HJ, Lehmann-Horn F, Klingler W. Passive muscle stiffness may be influenced by active contractility of intramuscular connective tissue. Medical Hypotheses 66(1):66-71, 2006.
  5. Schleip R, Klingler W, Lehmann-Horn F. Active fascial contractility: Fascia may be able to contract in a smooth muscle-like manner and thereby influence musculoskeletal dynamics. Medical Hypotheses 65(2):273-277, 2005.

4. Faszien und manuelle Intervention

Vermutet wird auch, dass die direkte Manipulation der für Schmerzen zuständigen Rückenareale die Faszien stimuliert, wieder propriozeptive statt nozizeptive Funktionen zu übernehmen [3].

  1. Chaudhry HR, Schleip R, Ji Z, Bukiet B, Maney M, Findley TW. Three-dimensional mathematical model for deformation of human fasciae in manual therapy. Journal of American Osteopathic Association, 2008. 108(8):379-390
    Abstract (PubMed) // Download
  2. Chaudhry H, Huang C, Schleip R, Ji Z, Bukiet B, Findley T. Viscoelastic behavior of human fasciae under extension in manual therapy. Journal of Bodywork and Movement Therapies, 11(2), Apr 2007.
  3. Heymann Wv, Böhni U, Locher H. Grundlagenforschung trifft Manualmedizin. Manuelle Medizin 2005; 43: 385-39
  4. Threlkeld AJ. The effects of manual therapy on connective tissue. Physical Therapy 1992.